Das Wolgadelta

 

Noch nicht mal 18, sollte mich mein erster selbstverdienter Urlaub in das Wolgadelta führen.

 

Gebucht bei Heribert’s Fishingtours, ging es von München nach Moskau und von dort nach einer Übernachtung mit dem Flieger weiter nach Astrachan. Nach einer mehrstündigen Busfahrt ging es dann nochmal etwa 3 Stunden mit dem Boot zur ehemaligen Jagddatscha des Herrn Breschnew. Diese Datscha ist mitten im Delta, drumherum sind nur einige Häuser in denen die Angelführer mit ihren Familien leben.

 

Das Wolgadelta ist ein Naturparadies. Überall sind riesige und im Vergleich zu Deutschland enorm hochgewachsene Schilfbestände. Je weiter man von der Datscha in Richtung Kaspisches Meer, in welches die Wolga mündet fährt, umso mehr verändert sich auch der Charakter der Landschaft. Die Bäume und der feste Erdboden der im Gebiet der Datscha noch überwiegt, natürlich ständig unterbrochen durch die unzähligen großen und kleinen Flüsse des Deltas, verschwinden. Die Flüsse werden breiter, und es wächst nur noch Schilf. Nach etwa einer Stunde Fahrt von der Lodge merkt man wie man sich dem Meer nähert weil die Vegetation rapide abnimmt und die Wellen deutlich stärker werden, und kehrt mit dem kleinen Boot mit Außenborder lieber um, in ruhigere Gewässer. Die Tierwelt ist sehr reichhaltig. Seeadler sind ein täglicher Anblick, ich konnte auch Löffler und einen Pelikan sehen, ebenso Blauracken und Wiedehopfe. Unerwartet hoch auch der Bestand an Höckerschwänen, zwischendurch lässt sich ein Singschwan blicken.

 

Unglaublich hoch ist der Bestand an Kormoranen. Ich habe ziehende Schwärme gesehen, die rechts am Horizont verschwunden sind, während von links ständig neue Vögel nachkamen.

 

Nach zwei Tagen endlich in der Lodge angekommen, war es schon Nachmittag und damit zu spät, am gleichen Tag noch zu fischen. Den Abend verbrachte ich damit, mir von den Erfahrungen der anderen Angler berichten zu lassen. Insgesamt waren wir etwa 25 Angler, alle aus Deutschland.

 

Gefischt wird überwiegend mit Fischfetzen. Hauptköder sind die häufig vorkommenden Rapfen, manchmal twistert man sich auch einen Zander. Die Fische werden filetiert, und die handtellergroßen Fetzen kommen an einen großen Einzelhaken (8/0 – 10/0). Das benötigte Bleigewicht fängt bei 150g an. Ein anderer sehr fängiger Köder waren Frösche . An manchen Stellen ist das Wasser sehr ruhig und wird sehr breit, man fühlt sich wie auf einem See, der ringsum von Schilf gesäumt wird. In den Seerosenfeldern in diesen „Seen“ tummeln sich die Frösche. Im Vergleich zu Fischfetzen habe ich mit (natürlich vorher getöteten) Fröschen deutlich besser gefangen.

 

Als ich einmal nach der Mittagspause nachmittags wieder zum Fischen rausgefahren bin und meine Angelausrüstung genommen habe, die 2 Stunden in der Mittagshitze (über 30 Grad) war, war der Frosch der noch am Haken hing vollkommen ausgetrocknet, praktisch mumifiziert. Dies hinderte allerdings gleich drei Waller nicht daran, sich an diesem Nachmittag noch auf den Köder zu stürzen!

 

Einmal verlor ich einen Waller nach kurzer Drillzeit, ich hatte wohl den Knoten nicht sorgfältig gebunden. Am Köder war natürlich ein dicker fetter Frosch. Nachdem ich neu montiert und wieder einen genauso großen Frosch ausgelegt hatte, dauerte es nur ein paar Minuten bis der nächste Biss kam. Ich staunte dann nicht schlecht als ich einen Waller von etwa 80 cm rauszog, im rechten Maulwinkel hing der Haken samt Frosch den er mir soeben abgerissen hatte, im linken Maulwinkel hing der neue Köder. Wenn man weiß dass die Frösche im Wolgadelta im Vergleich zu unseren wirklich riesig sind, hält man so etwas für kaum möglich.

 

Die Frösche sind allerdings nicht nur bei Wallern sehr beliebt, auch bei den im Delta häufig vorkommenden Wildschweinen. Eines morgens als wir zum Froschfang an ein Seerosenfeld fuhren war dieses vollkommen verwüstet, hier hatten sich über Nacht die Wildschweine einen Schwimmausflug mit Froschschenkeln gegönnt.

 

Im Sommer ist es im Wolgadelta sehr heiß. Wir hatten praktisch jeden Tag Temperaturen um 30 Grad. Logischerweise haben wir das Boot meistens irgendwo im Schatten befestigt. Dies hat allerdings den Nachteil, dass man in Reichweite der Moskitos ist. Es gibt drei Größen dieser Biester, ich möchte fast sagen Bestien. Da sind die welche etwa so groß sind wie unsere. Dann gibt es eine Art die noch ein bisschen größer ist, und als ob das nicht schon genug wäre, gibt es Monster, die man sich wie mutierte Pferdebremsen vorstellen kann. Wenn man von denen angegriffen wird ist sowieso alles aus; wenn man sich einen Hechtdrilling reinjagt ist der Schmerz auch nicht größer als bei einem Biss dieser Tiere. An manchen Stellen mussten wir das Angeln aufgeben und weiterfahren.

 

Dass Nachtfischen unter diesen Bedingungen absolut unmöglich ist, dürfte klar sein. Im Dunkeln drehen die Biester erst recht auf. Als nach einer Woche eine Gruppe neuer Angler kam, wollten die das zuerst nicht recht wahrhaben, und starteten voller Elan zu einer Nachtangel-Session. Ich hatte schon genügend Erfahrungen mit den Moskitos gemacht, aber auf mich wollte keiner hören. Dick vermummt und mit großen Hoffnungen zogen sie aus, dick vermummt und zerstochen kehrten sie nach nicht mal 30 Minuten wieder zurück!

 

Wie schon erwähnt, war es sehr heiß. Geangelt wurde vormittags, etwa von 8 bis 12, und Nachmittags ab 2 oder 3 bis etwa 6 Uhr. Waller fängt man zu diesen eher ungewöhnlichen Zeiten trotzdem. Es ist wirklich verwunderlich, wie viel dieser doch eigentlich sehr gefräßigen Räuber es dort gibt. Man fängt sie auch häufig beim Spinnfischen, was bedeutet dass sie auch tagsüber aktiv jagen. In den zwei Wochen fing ich insgesamt 26 Stück. Der Großteil war kleiner als ein Meter, der größte hatte 18 Pfund, der zweitgrößte lag knapp darunter. Ein wirklich dicker Brocken war mir, wie auch den meisten anderen Anglern nicht vergönnt. Insgesamt wurden während meines Trips vielleicht 5 oder 6 Waller über 40 Pfund gefangen, die aber auch nicht mehr als 60 Pfund auf die Waage brachten. Lobende Ausnahme war ein Fisch mit 2,10 Metern und 55 Kilo, der allerdings von VIPs aus Moskau gefangen wurden, die extra für zwei Tage mit dem Hubschrauber kamen. Sei es dahingestellt ob diese wirklich so gute Angler waren, oder ob manche Angelplätze für hohen Besuch aus Moskau reserviert sind.

 

Eine lustige Anekdote ist noch, dass mein 18pfünder beim Abködern Federn eines Blässhuhns ausspuckte. Ein anderes Mal machte es nicht weit vom Boot entfernt einen lauten Platscher, und von den 5 Enten die vorher dort noch schwammen flogen nur noch 4 mit lautem Geschnatter wie von der Tarantel gestochen davon...

 

Mein größter Rapfen wog 7 Pfund bei genau 70 cm Länge, an der gleichen Stelle fing ich noch einen mit 68 cm. Der größte Zander maß 51 cm. Bei weiten am häufigsten fing ich jedoch Waller.

 

Ein besonderes Highlight war es, einen Stör mit schätzungsweise anderthalb bis zwei Metern zu sehen, der mit dem Vorderkörper aus dem Wasser schoss. Die Fischer die um die Lodge herum wohnten fingen auch einige Störe, die es manchmal köstlich zubereitet zum Abendessen gab.

 

Alles in allem war es ein wunderschöner Urlaub in einer herrlichen Gegend. Der Wermutstropfen bleibt natürlich der, dass die Fänge zwar im Vergleich zu deutschen Gewässern sehr gut waren, aber doch unter den Erwartungen die man an das Wolgadelta stellt. Wie ich danach erfahren habe, war das Jahr 1993 wohl insgesamt kein gutes Fangjahr. Trotzdem möchte ich diese Erfahrung nicht mehr missen!